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Bild von Ralph Cibis
Nov 26, 2020 - Ralph Cibis

Weckt die AntiheldInnen in euch (und eurer Organisation)!

Vortrag auf der Manage Agile 2020.

Prequel

Ursprünglich wollte ich einen Vortrag basteln in dem ich die klassischen Rollen des agilen Kosmos auf den Prüfstand stelle. Dazu zählen die guten Big Four und little a thousand BeraterInnen, dazu zählen Tonnen an agile Coaches, TrainerInnen, Scrum Mastern, Change Agents, Innovation Botschaftern. Natürlich auch viele Workshops mit Kreativformaten wie Rapid Prototyping oder Design Thinking, viele Sessions in verschiedensten Konstellationen, die am Ende in irgendeiner Form das Thema Synergie abgedeckt haben sollten.

Ich hatte überlegt, was es denn mit Trommlern und Ruderern auf sich hat im Kontext einer Organisation. Wer die Menschen sind, die Jobs nicht nur spezifizieren, sondern die am Ende auch die Arbeit machen. Ich hab versucht zu kategorisieren, Stereotypen zu finden und zu clustern, dass sich ein rundes Bild ergibt. Aber das Bild blieb eckig.

Als ich diesen Vortrag eingereicht habe, hatte mein Team gerade eine Hochphase. Das war kurz vor dem Sommerloch und noch lange hin bis zur Weihnachtsdeadline. Das ist der Tag an dem im E-Commerce das Weihnachtsgeschäft startet. Ein wohliges, gutes Bauchgefühl hat sich zu dieser Zeit innerhalb Herberts - so heißt meine kleine Wampe - ausgebreitet. Das Team, das läuft. Die Sicherheit, dass meine beiden Scrum Master ihre Teams zum Erfolg führen. Damals dachte ich noch, ich würde in diesem Vortrag darüber sprechen auf Potentiale zu bauen. Ein neuer Blick auf die sowieso schon als großartig proklamierten Menschen, die sich in einer innovativen Organisation an jeder Ecke tummeln und die dann am Ende genau diese Synergie erzeugen, von der immer alle reden.

Die echten Antihelden

Aber so war’s dann gar nicht. Ich habe versucht den klassischen Helden irgendwie in das Muster des Antihelden zu packen. Ich hab versucht so lange Definitionen zu interpretieren, bis ich einen halben Vortrag in Keynote gebastelt hatte, den ich wahrscheinlich doch noch auf den letzten Drücker wieder löschen würde. Bunte Bilder, Vergleiche mit John McLane, Harley Quinn und den Velociraptoren aus Jurrasic Park. Klar, das waren die typischen AntiheldInnen aus Hollywood, Ecken und Kanten, alles vorhanden. Aber irgendwie nicht der Vergleich, den ich guten Gewissens ziehen konnte. Ich konnte mir im besten Willen nicht vorstellen, durch die Verwaltung in Treppendorf zu laufen und über mir bricht ein langhaariger Bruce Willis mit Metal-Shirt aus einem Lüftungsschacht, um Kunden aus der von typisch-deutschen Bösewichten besetzten Gitarrenabteilung zu retten. Ich würde kein Mädel finden, das mit dem Baseballschläger auf Kunden eindrischt, um mehr Umsatz zu generieren und ich bin überzeugt davon, dass ich auch keine Velociraptoren im Foyer finden würde, die den T-Rex ablenken, der mir gerade das Leben erschweren wollte.

Ich musste aus einer neuen Perspektive suchen. Und vielleicht bin ich fündig geworden. Es ist Montag Abend - ja, der Montag der Konferenz - an dem ich versuche ein paar Gedanken zu sammeln. Und tatsächlich hat mir das lange auf-der-Stelle-treten geholfen, einige echte Antihelden meines Teams zu finden.

Mark

Manchmal ist es auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu erkennen, wer sein Revier einfach nur verteidigt und wer eigentlich nur das beste für uns alle möchte. Manchmal dauert es einfach ein Stück, bis sich ein Antiheld herausstellt. Meine erste kleine Anekdote handelt davon, wie unser Antiheld sein Team gerettet hat. Nennen wir ihn Mark. Mark ist einer unserer besten Entwickler. Er wuppt alles weg, was man ihm gibt. Und das macht er nicht nur schnell, sondern auch qualitativ hochwertig und gewissenhaft. Marks Schwäche liegt darin, gerne zu ranten. Meistens kommt auch erst der Hass und dann die Reflektion. Damals waren wir in der Situation, dass sein Team viele Commitments gebrochen hat und sich gerne mal in der Gruppe versteckt hat. Mark fand das schrecklich. Viele Retros, die um die eigentlichen Probleme herumgetanzt haben. Viele verschwendete Momente, in denen an Dingen gearbeitet wurde, die eigentlich nur Symptome statt Ursachen bekämpft haben.

Mark ist der Antiheld, der das Eis brechen kann. Doch konnte er das nicht von Anfang an. Die Frage ist, wie hat er seine Kraft bekommen und wie hat er es geschafft, sich zu überwinden, das Richtige zu tun? Ich erinnere mich an eine Situation, wo er zusammen mit mir und seinem Scrum Master in einem Konfiraum saß. Kontrolliertes Klartextsprechen sozusagen. Eine halbe Stunde lang durften wir uns anhören, was der agile Placeboscheiß denn soll und dass das doch alles überhaupt nichts bringt. Unterschreibe ich ihm natürlich sofort, wenn die Formate und Prinzipien dahinter nicht verwendet werden. Aber wir kannten ihn und wussten, das war nicht alles. Wir haben nicht locker gelassen und tiefer gebohrt, bis es - den Tränen nahe - irgendwann aus ihm raus brach. Das Team liefert in seinen Augen schlechte Qualität und steht dafür nicht ein. Eigentlich ist das was wir mit dem agilen Placeboscheiß gemacht haben nämlich gar nicht so schlimm. Aber das Team. Da müsste man mal Klartext sprechen. Ach ja, das Zitat war glaube ich „das Team liefert nur noch minderwertige Scheiße ab.“

Kurze Zeit später war es dann soweit. Mark ist in einer Retrospektive mit dem Team endlich der Kragen geplatzt und er hat mit Rückhalt unseres Scrum Masters alles auspacken können, was ihn geärgert hat. Es hat ihn viel Mut gekostet und es war weit weg von diplomatisch und politisch korrekt. Wäre das aber nicht passiert, hätten wir das Team wahrscheinlich eine Woche später auflösen müssen. Diese Energie und diese blanke Ehrlichkeit hat das Team dermaßen befähigt, dass sich plötzlich alle offen und ehrlich auskotzen konnten. Mark hat das Team gerettet, indem er ausgerastet ist. Seitdem ist es unser performantestes Team. Der Name wurde natürlich geändert und ein performantes Team macht natürlich Kanban und nicht Scrum. Aber ansonsten, true story.

Antonia

Die zweite Anekdote handelt von Antonia. Sie ist super leise und gefühlt viel zu introvertiert für ihre Rolle als Projektmanagerin. Theoretisch könnte man sie als den klassischen Nerd abstempeln. Sie würde am wenigsten in das traditionelle Heldenmuster passen, aber sie hält den Laden am Laufen. Das liegt nicht nur daran, dass sie ihren Job verstanden hat. Projekte managen, im besten Fall erfolgreich, gehört zum Job einer Projektmanagerin dazu. Das ganze in irgendeinem agilen Setting erfolgreich zu tun, ist auch kein Hexenwerk. Aber in einer Welt des Groupthink, also dem Effekt, dass Gruppen in Meetings auf den Tisch starren und Entscheidungen gemeinsam abnicken, obwohl alle einzeln befragt komplett anderer Meinung wären, hält sie gegen. Sie ist in unserem Team die Verkörperung von „das richtige tun.“

Man sieht, dass es ihr schwer fällt. Sie springt öfter über ihren Schatten, als Batman von einem Hausdach. Sie hat verstanden, dass der Kunde im Fokus stehen sollte bei allem was wir machen und fordert das entsprechend ein. Sie ist das einzige Teammitglied, das unsere Scrum Master nach Retrospektiven ehrlich feedbacked. Sie hat auch in Terminen verstanden, wann es Zeit ist einen Ast in die Speiche zu werfen und damit aufzuhören, sich im Kreis zu drehen. Diese Momente können richtig unangenehm sein. Wie der erste Blick in den Spiegel, nachdem man vom Fahrrad gefallen ist und seine Kopfplatzwunde sieht. Aber dieser Blick hilft einerseits, die Wunde überhaupt erst zu lokalisieren und andererseits sofortige Heilung einzuleiten.

Wir haben eine wichtige Regel im Team: Negatives Feedback im kleinsten Kreis und im best case 1:1. Sie hält sich daran, aber noch wichtiger: ihr Mindset trägt dazu bei, dass sie aktiv immer Feedback gibt. Weg von den Standard-4L-Postits am Ende einer Retrospektive, hin zu qualitativ hochwertigem Feedback für unsere Scrum Master nach der Moderation von Events oder nach dem Handling von Situationen. Trotz ihrer teilweise ängstlich klingenden leisen Stimme, ist sie genau die Stimme, die meine Teammitglieder benötigen, um Formate noch besser auf die kompletten Bedürfnisse im Team anzupassen. Manchmal gerät man gerne in die Versuchung dieses Verhalten trotz der Introvertiertheit als bitchy zu labeln. An manchen Stellen fehlt sicherlich der Weitblick. Aber um schnell einen nächsten richtigen Schritt zu identifizieren ist ihr Feedback Gold wert. Hätte Antonia nicht diese typischen Antiheldinnen-Züge, wären wir in den Teams nicht so weit gekommen. Denn was sie sagt, wie sie es sagt und wann sie es sagt, trägt dazu bei, dass wir nicht stehen bleiben können. True Story.

Du

Wir haben einige AntiheldInnen im Team, Mark und Antonia sind zwei davon. Wir haben auch viele Teammitglieder, die eher den typischen Helden-Badge verdient haben, weil sie aufopferungsvoll Sonntag Nacht um 5:00 den Release der Cyberweek begleiten. Und natürlich gibt es auch die „it’s just a job“ Menschen, die auf der Hard-Skill-Seite genauso gut dazu beitragen, den Laden am laufen zu halten, wie die anderen beiden Ausprägungen auch, aber von denen abseits des Jobs nicht viel mehr zu erwarten ist. Dennoch schlummert vor allem in den AntiheldInnen immer Potential, das man nutzen kann, um sein Team voran zu bringen. Das ist Potential, das meist nicht aus einer natürlichen oder organisatorischen Hierarchie kommt. AntiheldInnen ist Hierarchie im besten Fall egal, wenn es drauf ankommt.

Wir haben heute zwei Beispiele kennengelernt. Mark, der in der richtigen Situation die richtige Menge an Emotionen - nämich viel zu viel - ausgepackt hat und damit jegliches Eis in seinem Team gebrochen hat. Und Antonia, die komplett unter dem sozialen Radar fliegt, aber niemals aufhört konstruktiv das System zu hinterfragen und an den Stellen anzupacken, die für unsere HeldInnen nicht genügend Attention liefern würden und in der Welt der Visionen oft nicht langfristig genug gedacht wären.

Aus meiner Management-Brille ist es initial auch meistens gar nicht so leicht, die AntiheldInnen zu akzeptieren und bei dem, was sie tun, laufen zu lassen. Ich kann mir viele Organisationen und Teams vorstellen, in denen Mark direkt die erste Abmahnung Dank seinem Ausraster kassiert hätte. Ich kann mir noch mehr Organisationen und Teams vorstellen in denen die leise Stimme von Antonia von viel zu vielen anderen, lauteren Stimmen übertönt worden wäre und sie am Ende im Mitarbeitergespräch gar mundtot gemacht worden wäre. Manchmal stellt sich erst im Nachhinein raus, dass eine Entscheidung richtig war, die anfangs klang, als würde man einen Würfel auf einem wackeligen Kartenhaus platzieren wollen, während man selbst Trampolin springt.

Ich kann euch keine Faustregeln mitgeben, wie ihr AntiheldInnen in eurer Organisation finden könnt. Ihr könnt das wahrscheinlich selbst viel besser einschätzen. Ich kann euch nur mitgeben, dass ihr darauf achten solltet und eine so offene Kultur pflegen solltet, dass ihr euren AntiheldInnen nicht aus Versehen im falschen Moment einen Stein vor die Tür rollt. Es sind die menschlichen Züge hinter der professionellen Maske, die Menschen auf der Arbeit gerne tragen, die uns immer wieder helfen weiterzukommen. Oftmals reicht es, sich selbst zu überwinden und kurz aus der Komfortzone herauszuverfrachten, um Energie im richtigen Moment freizusetzen.

Zum Schluss der Geschichte bekommt ihr jetzt auch keinen Sales Pitch über das verrückte neue Anti Hero Framework und auch keine Möglichkeit euch zum Certified Anti Hero 1 ausbilden zu lassen. Ihr bekommt aber ein fettes Dankeschön, dass ihr mir zugehört habt und die Möglichkeit euch von diesen Geschichten im richtigen Moment inspirieren zu lassen. Seid auch mal laut, seid mal ruppig, seid gerne mal Mensch, macht das richtige. Danke.

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