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Jun 9, 2021 - Dominic Burucker

Verantwortungsvolles Beraten

Der Spagat

Letztens durfte ich die Ehre haben meinen ersten Podcast mit den netten Jungs von Medienreaktor zu machen. Das Themenfeld war bewusst sehr breit gehalten, es sollte am Ende vor allem um meine Erfahrungen im agilen Bereich gehen, gepaart mit ein paar Basics.

Den Fokus den ich in diesem Podcast fast automatisch gesetzt hatte, war die Interaktion am Arbeitsplatz zwischen den Akteuren der Organisation oder der Teams. Ein leitender Gedanke war und ist: Wenn sich ein Mensch geschätzt fühlt und wirklich gehört wird, dann wird er auch auf dauer produktiver und zufriedener sein. Das halte ich als Grundsatz für meine Arbeit als selbstevident.

Revolutionär ist die "Message" an sich nicht, oder sollte es nicht sein. Trotzdem bekomme ich Beifall, wenn ich so etwas sage und ausführe, was sich für mich dahinter verbirgt. Das wiederum zeigt mir dann das ich meine Arbeit noch sehr lange ausführen kann.
Lange habe ich mich gefragt, warum agile Coaches eigentlich so sehr gesucht werden und warum es davon wenige Leute gibt, die das gerne machen wollen, zumindest im eigenen Arbeitsumfeld.Klar vielleicht ist die Rolle doch noch recht neu und unterm Radar aber schließlich wird die Arbeit von Kennern ja gerne auch mal als esoterisch, demagogisch oder placebohaftig verschrien (übrigens auch von mir, wenn es passt).

Über die Monate und Jahre ist mir nun aber aufgefallen, warum die Leute trotzdem nach jemanden händeringend rufen, der den Raum schafft, der einlädt, sich ehrlich aber zielgerichtet auszutauschen und warum die Leute das auf anhieb selbst nicht schaffen.

Projekte, Tasks und Tickets sind "kalte", zunächst objektive Objekte und Ebenen die zumindest in unseren Köpfen etwas faktisches, empirisches und unemotionales per se mit sich bringen. Sie sind klar definierbar, man kann sehr gut mit dem Finger auf sie zeigen. Die Menschen, die mit ihnen arbeiten, sind weitaus "gefährlicher". Warum sage ich gefährlich? Ein Task, so denken wir, hat keine Emotionen, Launen, Ansprüche, schlechte Tage, Kopfweh und Meinungen. Er existiert monolithisch vor sich hin. Und gerne übertragen wir diese Denkweise auf die Ausführenden.

Die extreme Unsicherheit, die menschliche Interaktion mit sich bringt, wird durch die extreme Sicherheit die wir mit Charts, Kurven, Tasks und operativen Angelegenheiten herstellen wollen eliminiert. Zumindest war das lange die Hoffnung. Wenn nun aber die Kommunikation zwischen Ausführendem und Auftragendem passiv, aggressiv oder streng hierarchisch ist, besteht keine Möglichkeit Wissen offen zu teilen und in Kollaboration die Aufgaben zu planen und einzuschätzen. Dann ist die Chance hoch das die Projekte, Tasks usw. scheitern. Dann wächst der Frust, dann gibt es Konsequnzen, dann wird es unschön. Denn Konflikte, die nicht direkt ausgetragen werden, werden dennoch ausgetragen.

Es ist eigentlich das Dilemma der Demokratie, das Einzug hält: Wie soll man den jemals etwas schaffen, wenn wir jedem zuhören müssen? Wenn jeder eine Stimme hat und jeder Rechte?

Die Angst

Lange hat und hatte es die Demokratie schwer. Für uns in Deutschland waren zwei Kriege und Katastrophen nötig damit wir die Demokratie ernst(er) nehmen und unsere Staatsform mit Commitment gegenüber der Demokratie darauf aufbauen.

Wie Firmen und Unternehmer das Regeln bleibt, und das ist im Sinne der Liberalität auch gut, jedem selbst überlassen. Katastrophen im kleinen wie im großen gibt es in der deutschen Unternehmenslandschaft wahrscheinlich tagtäglich. Vom typischen Projekt, das sich verzögert hat um Jahre und das Ergebnis nicht mal annähernd das ist, was gewollt wurde, führt zu massiven Verfehlungen wie Wirecard.

Am Ende geschehen diese "Katastrophen" wegen fehlender Transparenz und mangelnder Kommunikation, an Geld mangelt es immer erst im Nachhinein, dann wenn es keiner war. Da entlädt sich dann der menschliche Affenzirkus, in einem peinlichen Mix aus "Fingerpointing", Ausreden und kläglichen Aufräumversuchen.

Trotzdem ist die Angst immens groß, dass, wenn man zu vielen Leuten zu viel Verantwortung aber eben dann auch echtes Stimmrecht oder Entscheidungsmacht gibt, alles länger dauert, nichts funktioniert. Also das was jetzt oft sowieso der Fall ist. Paradox, oder?

Und Meetings gibts ja auch schon. Nur meistens sind das Frontaltermine, die sich dadurch auszeichnen, dass die Konstellation oder das Klima so ist, dass sich keiner, wenn er gefragt würde, aus Angst einen hierarchisch höher gestellten zu verärgern, wirklich zu sagen, was er denkt. Die Kommunikation ist von Anfang an korrumpiert. Direkte, offene, ergebnisorientierte, aber eben auch demokratische, interdisziplinäre Entscheidungsfindung kann es so von Anfang an nicht geben.

Und das alles nur, weil man die Hemmschwelle davor jemanden emotional, oder zu persönlich durch Kritik oder damit eventuell das Umstoßen von traditionellen Handhabungen in Gang zu bringen, so hoch legt das keiner sich traut.

Am Ende bildet sich immer eine implizite Angstkultur.

Die Therapie

Immerhin vollzieht sich eine, wenn auch skeptisch beäugte, friedliche Revolution in der deutschen Arbeitskultur, im Kern in der Digitalisierungsbranche aber die Strahlkraft ist groß. Das agile Arbeiten oder die Transformation, die Strukturierung in Teams, das Einstellen von Coaches, die vermehrte Verantwortung einzelner Rollen oder Arbeiter, das sind alles Dinge die gut klingen und auch wertvoll sind - in der praktischen Umsetzung aber sehr komplex so scheint es.

Wenn wir zurückschauen auf den Anfang des Textes, dann kommt hier der Punkt auf den ich hinauswill: Es braucht dringendst Leute, die die Fähigkeit fördern dauerhaften erfolgreichen Dialog zu etablieren. Das geschieht eben nur durch einen verantwortungsvollen Umgang mit Themen wie Emotionalität, Individualität und Konflikt. Ich weiß nicht, woher genau die Mentalität kommt das diese Themen keinen Platz hätten, oder "softe" interne Themen sind die keinen Einfluss auf Projektergebnisse und auch ökonomischen Erfolg haben.

Fakt ist, dass der Bedarf nach Moderation, Mediation die professionell und sicher durchgeführt wird immens ist, weil es den Leuten etwas bringt, was sie sonst aus dem Alltag nicht kennen: Sicherheit. Sicherheit zu wissen, wo sie stehen. Sicherheit zu wissen das sich mit den Parametern des Projekts oder Aufgabe wohl(er) fühlen. Sicherheit, weil sie wissen, was das Gegenüber wirklich denkt.

Ich kann den Wert nicht in Worte fassen, übrigens auch nicht in Charts oder Präsentationen, den eine emotional aufgeladene Retrospektive einigen Teams gebracht hat. Das Eis das bricht und der Knoten, der sich löst, ist quasi manchmal physisch spürbar. Und es hat Katastrophen verhindert.

Das Learning

Ein guter Coach oder Berater hat eine enorme Macht. Sie wird größer, je besser er seinen Job macht. Oft wird er zur Vertrauensperson für viele Mitarbeiter. Oft sind die Teilnehmenden auf ihn angewiesen um produktiv weiter arbeiten zu können. Oft werden durch seine Termindurchführung und seine Tools auf fundamentaler Ebene spätere Ergebnisse geformt. Er nimmt als neutraler, auf das bestmögliche Outcome gerichteter Moderator und Berater teil und hat damit eine große Last und einen riesigen Benefit.

Die große Last ist die Kritik, die er sich selber, um sich treu zu bleiben, stellen muss (oder müsste) durch diejenigen die er berät oder moderiert. Dazu braucht es auch die echte Fähigkeit Kritik gewinnbringend zu absorbieren. Ein dickes Fell tut nicht schlecht.

Der große Vorteil ist, dass es dem Beratenden oder Moderierenden sehr leicht fallen kann die persönlichen oder egoistischen Tendenzen aus allem raus zu lassen. Denn er sollte nur eins wollen: Dass die Kunden oder Kollegen mit denen er arbeitet das bestmögliche, für alle am zufriendenstellendste Ergebnis in Kollaboration erarbeiten und gleichzeitig eine nachhaltige Arbeitskultur pflegen.

Also werdet euch eurer Verantwortung bewusst, Berater dieser Welt!

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