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Bild von Ralph Cibis
Aug 6, 2021 - Ralph Cibis

Über Magnetismus und Indien

...und irgendwann ergab es sich, dass die bunte Welt der Leaderships plötzlich etwas dunkler wurde. Es ist der nächste Schritt auf dieser Reise, die eigentlich dazu bestimmt ist komplette Teams mitzuziehen. Entlang von Purpose, Werten und Vision Begeisterung zu wecken und auf motivierte Individuen zu bauen. Mit gutem Beispiel voran in die Bresche zu springen, während die anderen noch schüchtern auf den Boden starren. Auch wenn der Flächenbrand gelöscht ist, darf man einzelne Buschfeuer nicht außer Acht lassen.

Eine weitere, einfache Wahrheit

Bringen wir es auf den Punkt. Vor ein paar Wochen habe ich mit einem Kunden eine Management-Retro abgehalten. Echt gute Session, viele Erkenntnisse, viel Spaß, viele ernste Worte und sinnvoller Austausch. So soll es sein. Was hängen blieb war eine wundervolle Umschreibung für die Rolle als mittleres Management: Scheißemagneten. Klar, kann man einfach mal belächeln. Aber mit jeder Kalorie, die man verbrennt, während dieses Lächeln aufrecht erhalten wird, kommt die Einsicht, dass mehr Wahrheit mitschwingt, als man sich eigentlich eingestehen möchte.

Es ist ein innerlicher Zwiespalt, regelrecht ein Konflikt, für eine Sache zu brennen und gleichzeitig einer eigenen Agenda beschuldigt zu werden. Transparent zu kommunizieren und dennoch auf Ignoranz zu stoßen. Es geht im Endeffekt darum, viel zu geben, aber minimal zurückzufordern. Eventuell ist das der aktuellen Marktsituation geschuldet. Eventuell aber auch nicht. Vielleicht geht man selbst nicht gut genug damit um, dass für jede Person ihre eigene kleine Welt die wichtigste ist. Ist ja auch bei einem selbst so. Doch was tun wir dagegen? Oder müssen wir etwas dafür tun?

Arbeit, fränkisch: Erbat

Ich kann es niemandem übel nehmen. A job is a job, alles darüber hinaus ist nice-to-have. Kann jemand wirklich mit Herzblut bei einer Sache sein, wenn am Ende nur ein Gehaltsscheck und ein paar warme Worte bei rumkommen? Benötigt es mindestens noch Anteile an besagter Sache? Oder muss die Sache gar aus der Feder dieser Person entsprungen sein, um sich aufopferungsvoll hinzugeben, wie es Bücher á la Meaning Revolution oder Reinventing Organization teilweise beschreiben?

Mir fällt es selbst schwer das finale Bild zu malen. Mache ich auch einfach nur meinen Job? Ist ein Teil meines Jobs Teammitglieder von unserer Mission zu überzeugen? Ist es ein anderer Teil gar für diese Mission mit zu brennen? Spiegeln sich diese Punkte am Ende des Monats monetär wieder? Und warum zur Hölle werde ich mit Scheiße beworfen, wenn ich auch einfach nur meinen Job mache?

Eine kleine Welt

Dieser Artikel wird keine Lösung am Ende bereitstellen (Disclaimer: doch.). Vielleicht habe ich es am Ende noch nicht einmal geschafft ein Problem aufzuzeigen. Es ist eine vage Welt, durch die man täglich wandert, auf der Suche nach dem nächsten kleinen Problem, das bis zur höchsten Stufe eskaliert. Es fühlt sich gut an in vielen 1:1-Gesprächen Ängste, Nöte, Sorgen und Bedürfnisse von Teammitgliedern zu hören und zu besprechen. Auf der anderen Seite ist es schmerzhaft, wenn am anderen Ende die Group-Think-Klatsche zuschlägt und ein wütender Mob entsteht, anstatt Fragen auf kurzem Dienstweg zu klären.

Je höher die eigene Flughöhe, desto größer erscheint die Welt. Eine große Aufgabe, ja vielleicht sogar die größte Aufgabe, besteht darin, Teammitgliedern die Hand zu reichen und ihnen dabei zu helfen die Welt auch mal von oben zu betrachten. Im Alltag wird der große Kosmos gerne ausgeblendet und ja, meistens ist er gar nicht relevant. Und in Konfliktsituationen werden gerne die Scheuklappen aufgesetzt, weil der Fokus nur darauf liegt, den eigenen kleinen Teil der Welt zu retten. Die Kunst aber liegt darin, über seinen eigenen Schatten zu springen und auch im Konflikt dem Teammitglied die Hand zu reichen und einen Gesamtüberblick zu liefern.

11.000 Meter

Ich erinnere mich an einen Abend 11.000 Meter über Indien. Mit gedimmtem Kabinenlicht gleitet der A350 dem Sonnenuntergang davon, ich bin auf dem Heimweg von Bangkok. Beim Blick aus dem Fenster erstreckt sich der Subkontinent hunderte Kilometer gen Norden. Ich kann mich eigentlich nur an einen Gedanken erinnern, den ich aber seitdem immer wieder versuche Teammitgliedern in problematischen Situationen mitzugeben: „Krass. Das ist da wirklich alles.“

Dieser Satz und die damit einhergehende Erkenntnis hilft dabei, eine neue Perspektive einzunehmen. Dass da wirklich alles ist bedeutet am Ende nichts anderes als „mir hat da der Kontext gefehlt, von hier oben kann ich ihn besser verstehen.“ Dieser Zoom nach außen hilft oftmals auch ein klein wenig davon wegzukommen, der reine Scheißemagnet zu sein. Es ist wichtig in den Dialog zu treten.

Was Leadership dabei ausmacht ist, den Dialog beidseitig zu fordern. Es reicht nicht aus, dem Teammitglied den Blick auf’s Ganze zu ermöglichen. Es ist auch wichtig einzufordern, die eigene kleine Welt des Teammitglieds kennenlernen zu dürfen. Ganzheitlich aus der Luft auf Indien zu blicken hilft um die Größe dieses Subkontinents und das Ausmaß des dortigen Lebens einzuschätzen. Aber um das System selbst zu verstehen, muss immer tiefer hineingeblickt werden. Dabei ist es nicht wichtig, sich auf jeder Ebene Expertenwissen anzueignen. Aber es ist durchaus wichtig eine gemeinsame Sprache mit den Expert:innen auf den unten liegenden Ebenen zu finden, letztendlich die Kultur und die Bedürfnisse zu verstehen und daraus eigene, für ein Team, ganzheitlich wichtige Schlüsse zu ziehen.

Eventuell kann ich für mich selbst doch ein kleines Learning aus diesem Artikel ziehen. Meine Gedanken in Worte zu fassen und niederzuschreiben hilft dabei, diese zu ordnen und einen neuen Blick darauf zu bekommen. Ich unterschreibe weiterhin den Gedanken, dass viel Arbeit im mittleren Management unter Scheißemagnet zu kategorisieren ist. Aber am Ende ist das auch Materie, aus der irgendwas neues geformt werden kann. Sicherlich gibt’s beim Business Lion irgendeine Coaching Perle, die anpreist, dass Scheiße guter Dünger für neues Leben ist. Es tun sich immer wieder neue Facetten in meiner noch jungen Laufbahn als Führungskraft auf. Es ist spannend, die Situationen zu analysieren und eigene Schlüsse draus zu ziehen.

This is not an exit.

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Das Leben ist nicht schwarz-weiß und auch Leadership ist bunt. Foto von Debashis RC Biswa auf Unsplash.

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