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Bild von Ralph Cibis
Jan 27, 2020 - Ralph Cibis

Innovationsangst: Eine Geschichte über Alman Memes, Sauna und Organisationskultur

Wenn man seine Zeit mit Coaching und Gruppendynamik verbringt, kann ein Saunabesuch zu einer echt großen Herausforderung werden. Und das obwohl ich Sauna liebe. Aber vor allem in meiner kleinen fränkischen Heimatstadt Bamberg kommt es öfter mal zu komischen Vibes. Wahrscheinlich steht am Anfang dieser Vibes die Frage eines Saunagastes: "Wie kann ich es kompensieren komplett nackt zwischen Fremden zu hocken?" - Im Firmenkontext wäre das in etwa "Wie kann ich sicher sein, dass niemand bemerkt, dass ich komplett unvorbereitet bin?" Traurigerweise gibt es - das zeigt zumindest meine Erfahrung - zu oft nur eine Antwort: "Ich versuch einfach so verdammt laut zu sein, dass sonst keiner eine Chance hat was zu sagen!"

Die Situation gestern in der Sauna war ähnlich. Sonntag Abend, gestopft voll. Natürlich musste man schon 15 Minuten vorm Aufguss in der Sauna sitzen. Kurz bevor der Aufguss losging wollte dann auch noch - nennen wir ihn - Herbert einen Platz. Seine Frage füllte den Raum: "Ist da noch Platz für einen?" In der Sekunde, in der er fertig mit ausatmen war, legte Achim mit seinem Kompensationsritual los (ich hoffe er hat Herbert vorher schon mal getroffen). "Klar, für jeden außer dich!" Die Hälfte der Sauna brach in lautes Gelächter aus, die andere Hälfte kam still zur Erkenntnis: "Fuck, Er hat sein persönliches Eis gebrochen und hat jetzt die lauteste Stimme..." - Und sie sollten Recht behalten.

Letztendlich hatte Herbert dann einen kleinen PLatz neben seinem neuen Freund Achim gefunden. Nah genug, dass sich beim Hinsetzen ihre verschwitzten Arme kurz berührten. Herbert, der sein Kompensationsritual ja schon bei der Frage nach einem Platz begonnen hatte, merkte kurz und laut an, dass er und Achim jetzt Schweißbrüder seien. Und auch Achim legte nach: "Wusstet ihr, dass wir alle Schweißbrüder sind? Weil die nasse Luft ist ja auch voller Schweiß." Ja, danke Bro. Ich nahm nochmal einen tiefen Atemzug und zusammen mit dem fremdschämenden Rest hoffte ich, dass die Situation bald vorüber ist. Wir hofften insgeheim, dass wir zurück zum eigentlichen Thema unseres Aufgusses kommen würden: Entspannung. Aber es war natürlich noch nicht vorbei. Während die Saunameisterin versuchte sich vorzustellen und die kichernde Horde sowie Achim's lautstarke Gedanken etwas zu beruhigen, führte er fort: "Wusstet ihr, dass Schweiß und Pisse eigentlich nur Wasser voller Mineralien sind?" Danke Bro. Jetzt hatte er es wenigstens geschafft, die restliche Meute in Fremdscham untergehen zu lassen.

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Wie ging der Aufguss weiter? Naja, keiner hatte wirklich Spaß, weil die Situation insgesamt ziemlich peinlich war. Ein großer Elefant im Raum, der die Gäste davon abhielt sich zu entspannen. Aber wir konnten Zeuge eines komischen Phänomens im Thema Gruppendynamik werden: die lauteste Stimme. Niemand wollte seine Zeit damit verschwenden mutig zu sein und Achim zurecht zu weisen. Alle hofften einfach nur, dass die Zeit vergeht. Ohne eine weitere Eskapade von Achim oder Herbert. Ich hoffte das auch.

Nachdem ich nochmal drüber geschlafen hatte, hat mich die Situation an eine Schulung erinnert, die ein paar Team-Kollegen und ich in der Woche zuvor besucht hatten. Obwohl 3 Tage geplant waren, haben wir die Schulung nach 2 Tagen abgebrochen weil unser Team keine Probleme hat. Rückblickend war es aber nicht der Mangel an Problemen, der die Schulung abgebrochen hat. Glaubt mir, wenn wir nur ein paar Zentimeter tiefer graben würden, wären sie da. Es war eher wieder dieses Phänomen der lautesten Stimme. Der Stimme, der niemand widersprechen wollte. Selbst wenn jedes teilnehmende Teammitglied im Einzelgespräch gesagt hätte "hey die Schulung war echt ganz cool," hätte die Gruppendynamik, bzw. die Angst zu widersprechen und den gefühlten Konsens zu brechen, zu einem Abbruch geführt.

Es gibt ein paar Rezepte, bei denen die Zutaten einfach nicht zusammenpassen. Eine popkulturelle Erscheinung, die das Fundament dieser Problemstellung etwas aufdeckt sind aktuell die Alman memes. Diese Memes halt unserer eher grummeligen und ängstlichen Gesellschaft den Spiegel vor. Sie zeigen uns kleine Spitzen und Stereotypen in unserer deutschen Kultur. Einerseits superwitzig, andererseits leider auch ein bisschen traurig. Wir werden damit konfrontiert, dass Menschen lieber in ihrem Mikrokosmos vegetieren, als ihren Horizont zu erweitern. Ein kleiner All-Inclusive-Urlaub mit ein paar Schnitzel am mediterranen Buffet reichen da. Fremde Kulturen kennenlernen? Naaaa... Beim Scrollen durch LinkedIn zeigen sich noch weitere Ausprägungen dieses Mindsets. Unter einem Artikel von Frank Thelen, in dem es darum ging, dass Tesla alle deutschen Autohersteller in der Bewertung überholt hat, reihten sich fast ausschließlich Kommentare aneinander, die inhaltlich von Angst und viel zu viel Risiko sprachen. Also eigentlich genau das, was Frank in diesem Artikel als Problem der deutschen Autobauer identifiziert.

Hauptsächlich ging es darum, dass Deutsche nicht mutig genug sind, um für die reine Innovation ein Risiko einzugehen. Ein paar Kommentare spiegelten perfekt wieder, wie Innovationskultur in deutschen Konzernen an der kurzen Leine gehalten wird. "Ja, aber Tesla folgt Idealen anstatt Aktionärsinteressen!" Danke Bro. Das ganze zeigt so ein bisschen, dass der Werkzeugkasten "Purpose und Visionen" in deutschen Firmen noch nicht wirklich angekommen ist. Und auch immernoch weit vom Mainstream entfernt ist. Wahrscheinlich sehen wir hier eine neue Ausprägung der guten alten German Angst: German Innovation Angst. Ist halt leider ein Teil unserer Kultur und entsprechend auch landesweit ein Teil aller Firmenkulturen. Vielleicht kennt ihr es als "das haben wir schon immer so gemacht" oder als "das wird so niemals funktionieren!" Wenn wir das dann noch in Kontext zu den ganzen halbherzig angegangenen agilen Transitionen bringen, klingt es nach "wir machen schon Scrum, aber ein bisschen anders und wir nennen Teile davon anders." Vielleicht ist das das Ergebnis davon, dass Menschen mit einem Mindset, das Jahre lang von dieser Angst geprägt wurde, plötzlich durch irgendwelchen Hype in Rollen wie Innovationsmanagerin oder agile Coach gepresst werden.

Grundlegend ist das vielleicht nicht falsch. Aber etwas heuchlerisch und unehrlich. Es geht ein bisschen gegen die Motivation für etwas größeres zu streben und zu erreichen. Insgesamt wird es unserem Land auch nicht dabei helfen, überflüssig und überholt zu werden. Auch nicht dabei, endlich agil genug zu sein. Wir müssen das alles (Achtung Popkultur!!!) ein bisschen mehr cereal nehmen.

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