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Bild von Ralph Cibis
Jan 8, 2021 - Ralph Cibis

Der Tag an dem ich SAFe in Schutz nahm

Das Jahr 2021. Hätte nicht gedacht, dass diese Zeit noch verrückter werden könnte, aber jetzt ist es so. Die agile punks haben einen Blog-Beitrag, der „der Tag an dem ich SAFe in Schutz nahm“ heißt. Wow... Hätte auch „der Tag, an dem jemand meinen Kommentar auf Linkedin löscht“ heißen können. Oder „der Tag an dem der Blick in den Spiegel nicht gefallen hat.“

Was war passiert?

In meiner agilen Naivität habe ich beschlossen abends nochmal Linkedin aufzumachen und durch die Gegend zu scrollen. Im Normalfall hat man da ja ne Tonne Connections, „die man kennt, die spannend sind, mit denen man sich doch mal vernetzen kann.“ Zwischen viel Filterblasenmüll ist mir ein Auswuchs meiner agilen ähh... Agile Filterblase besonders aufgefallen.

„SAFe (Anm.d.R.: oder der Einsatz aller anderen Frameworks) ist der verzweifelte Versuch, altes Verhalten in neue Prozesse zu zwängen, in der irrigen Annahme, dass man dadurch Agil würde. Für die Erfinder scheint es sich aber zu lohnen. (Anm.d.R.: na ach, wie jeder Consulting-Kram sich halt lohnt...) Hashtags: Agile, Ethik, CoachingStance, Haltung“

Und klar, bin da voll dabei. Gegen SAFe wettern? Na freilich! Aber... mich haben die einfach nur bestätigenden Kommentare unter dem Beitrag fast schon schockiert und es wirft insgesamt einfach kein gutes Licht auf unsere Branche, unabhängig davon, wer was verkauft und wer von welcher Herangehensweise überzeugt ist oder eben nicht. Mich hat es schockiert, dass bei 18 Kommentaren (ja nicht viel, aber der Beitrag war auch nicht von Frank Thelen... linkedin meme), niemand auch nur ein mal die Perspektive einer Organisation eingenommen hat, für die SAFe vielleicht doch ein Schritt in eine bessere Zukunft ist.

Lasst mal Agile skalieren bevor wir agil sind

So lässt sich SAFe wahrscheinlich in den meisten Einführungen zusammenfassen. Aber was ist die Alternative zur Brechstange? Wie viele umgeschulte (äh... sorry für $150 zertifizierte) Pädagogen müssen denn in einer riesigen Firma, let’s say 40.000 Mitarbeitende, durch die Gegend rennen, um etwas Anderweitiges zu bewirken? Ich denke die Erfinder von SAFe haben da den Business Case erkannt und eine Out-of-the-Box-Lösung geschaffen, die frustrierte Vorstände direkt bei ihrem Pain abholt und das auch noch in einer Sprache, die sie verstehen. Keine sinnvolle Sprache, sondern trotzdem Tonnen an Anglizismen. Aber ein paar neue Vokabeln zu lernen ist erstmal einfacher, als die komplette eigene Grundeinstellung von Haus aus zu verändern. Und so funktionieren Menschen eben. Der Happy Path wird solange beschritten, bis es irgendwann mal kracht.

Und wenn es kracht?

Dann hat man den Punkt gefunden, an dem man als CoachIn einsteigen kann. Mittlerweile verstehe ich auch nicht mehr, warum wir nach 20+ Jahren Frameworks für agile Software-Entwicklung immer noch drüber streiten müssen, welches jetzt cool ist und welches nicht. Fragt eure Kunden (das können eure Arbeitgeber sein oder als Freelancer wirklich eure Kunden), was der Schmerz ist, was sie sich von einer Lösung erwarten und fangt an zu basteln. Ob ihr euch dann von einem bestehenden Werkzeugkasten bedient oder nicht, who cares!?!?! Niemand. Und wenn es eben (let’s call it) Rahmenbedingungen von oben gibt, dann akzeptiert sie oder sucht den Dialog mit den richtigen Stakeholdern oder akzeptiert sie nicht und sucht nach einem Laden, der euren Vorstellungen eher entspricht. Spoiler Alert: Euren Purpose findet ihr sicherlich nicht an der (Nicht-)Menge an Prozessen und Strukturen, sondern vielleicht doch eher an dem wirklichen Wert, der mit oder ohne solch einem Werkzeugkasten geschaffen werden soll.

Das haben wir schon immer so gemacht

Der Klassiker, dieser Satz. Aber diesmal mein ich nicht den Herbert aus der EDV oder die Sieglinde aus der BuHa, die mit Biegen und Brechen an allem festhalten, was sie in den ersten 2 Tagen ihrer 40-jährigen Karriere gelernt haben. Diesmal geht’s raus an unsere AgilistInnen. Ich zähl mich da mal auch dazu. Wir sind auch nur Menschen und wenn wir mal ein Erfolgserlebnis hatten, z.B. ein tolles Scrum Team betreut, das am Ende sogar hochwertige Inkremente geliefert hat, dann sind wir da stolz drauf und halten gerne dran fest. Das bedeutet aber nicht, dass diese Lösung auch anderweitig funktioniert (bekommt man glaube ich auch immer wieder gesagt, sollte also bekannt sein). Dennoch habe ich auch bei uns schon oft die Erwartungshaltung erlebt, dass ein gewisser Copy&Paste-Ansatz immer wieder funktionieren soll. Vielleicht habt ihr mal einen Glückstreffer, Glückwunsch. Ansonsten ist’s meist eher individuell und das ist unser Job, wenn wir nicht gerade nur Fulltime-TrainerIn für PSM1 oder so sind.

Das mit der Erfahrung

Der Rest ist Erfahrung. Man kann sicherlich immer wieder was aus Erfolgen oder Verlusten mitnehmen, um beim nächsten Projekt das eine oder andere gleich richtig zu machen oder Fehler zu vermeiden. Aber dieses “Responding to Change“, das irgendwo mal stand, sollte schon mehr im Vordergrund stehen. Vielleicht schreib ich das hier auch alles und übersehe irgendwas völlig Offensichtliches. Das liegt dann daran, dass auch ich erst im 5. Jahr meiner Reise als agile Coach angekommen bin (und zwischenzeitlich auch in anderen Rollen unterwegs war). Aber wenn euch das auffällt, würde ich mir wünschen, dass versucht wird, meine Perspektive einzunehmen und auf dieser Basis zu versuchen, mich weiterzubringen. It’s as easy as that. Und dann geht los und macht es in eurem Alltag genauso. Nehmt die Perspektiven aller Stakeholder ein. Ihr verteidigt nicht ein Team oder seid nur dem Sugar Daddy Kunden hörig. Habt einen ganzheitlichen Blick auf die Dinge. Das macht’s manchmal unübersichtlich, komplex und ermüdend. Aber das ist unser Job. Wer, wenn nicht wir? Ach ja... der 5000€-Tagessatz-SAFe-Consultant.

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Macht einfach Spaß. SAFe mit Freunden.

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